Dem Emailwahn trotzen: Ein Selbstexperiment

Heute tue ich mir selbst (und damit vielleicht uns allen) einen Gefallen. Ich starte ein Selbstexperiment der ungewöhnlichen Art: „Schluss mit dem Email-Wahn!“.

Image credit: zeitfaenger.at via Flickr, Creative Commons License: Attribution 3.0 Unported

Emails takten unseren Arbeitsalltag. Viele haben sich daran gewöhnt alle fünf Minuten unterbrochen zu werden. Dieser sogenannte Emailreflex beeinträchtigt gravierend unsere Produktivität.

Statt große Projekte voranzutreiben, beantworten wir lieber Emails.

Andre Wilkens, Interview-Auszug aus der Psychologie Heute 12|2015, S. 12 ff

 

Der Hintergrund

Das Interview mit Andre Wilkens war für mich wie ein Spiegel und hat mir zu schaffen gemacht. Ich glaube mich als Paradebeispiel für Email- und Facebook-Ablenkung zu sehen. Wenn ich so darüber nachdenke ist es nahezu schockierend, wie häufig ich nach neuen Emails schaue, checke ob unsere Facebook-Seite ein paar neue „likes“ hat oder ob ich irgendwo mal wieder etwas kommentieren und beantworten kann.

In meinem Kopf hat das alles total Sinn gemacht. 2015 war das Jahr des networkings für mich als Talententwickler. Es ging darum Ideen zu entwickeln, Kontakte zu knüpfen. Ich durfte feststellen, dass ich ein extrem guter networker bin. Es ist berauschend, wieviel Zuspruch es für unser Projekt gibt. Perspektiven von Außen beleben meine Kreativität.

Allerdings sehe ich die klare Gefahr, dass ich mich vom Wesentlichen entferne. Email produzieren und Emails beantworten kostet viel Zeit. Zeit, die ich eigentlich investieren möchte um wirklich etwas zu bewegen. Jede Email, die ich produziere und jede Email die Du produzierst, ist eine gedankenlose Inanspruchnahme unserer aller Zeit. Wollen wir das?

Ich weiß, Du wirst bei diesem Gedanken nun aufspringen. Das große „Aber“ schleicht sich an.

…aber wir müssen uns doch abstimmen!

…aber manchmal erreicht man sich doch sonst gar nicht!

…aber mal kurz eine Email schicken geht doch viel schneller!

Ich sehe das nach dem Lesen des Interviews mit Andre Wilkens etwas anders und habe keine Lust mehr mich in meiner Produktivität einschränken zu lassen. Wenn das Beantworten von Emails und damit die Duldung, ja fast schon das Herbeisehnen von Unterbrechung zur Gewohnheit wird, ist die Zeit reif für eine Intervention.

Hast Du nicht auch viel mehr Lust große Projekte voranzubringen, anstatt den halben Tag Emails zu beantworten?

Wenn ja, dann stelle ich dir mein Selbstexperiment nun genauer vor und lade herzlich zum Mitmachen ein.


Das Selbstexperiment [zum Mitmachen und Nachahmen]:

Ich antworte auf so wenig Emails wie möglich, bearbeite nur so viel wie nötig. Dabei kannst Du mich unterstützen.

Überlege, ob wir beide nicht schneller voran kommen, wenn wir kurz telefonieren oder uns persönlich treffen. Denn ganz ehrlich: 10 Mails hin und her  schicken schafft doch meist mehr Unstimmigkeiten, als dass es uns voranbringt.

Let’s try it!

Ich werde mir ab dem neuen Jahr jeden Tag feste Slots für die Bearbeitung von Emails und Social Media-Kanälen setzen. Dabei versuche ich hierfür in Summe nicht mehr als 30-60 Minuten pro Tag zu investieren. Was ich in dieser Zeit nicht schaffe bleibt liegen. Ich werde versuchen angemessen zu priorisieren. Falls Du dabei mal zu kurz kommst: Sorry!

Vielleicht irre ich mich ab und an, dann probiere einfach mich anzurufen. Anrufe nehme ich fortan etwas ernster. Solltest Du mich auch damit nicht erreichen, langsam so richtig wütend werden und mich wirklich dringend brauchen, dann habe ich zwei Eskalationsstufen für dich

1. Schreib mir einen Brief.

Briefe nehme ich sehr, sehr ernst. Wenn Du die Zeit investierst dein Anliegen handschriftlich vorzubringen, dann sei gewiss: Wenn etwas so wichtig ist, dann nehme ich mir auch die Zeit.

2. Finale Stufe: Klingel an meiner Haustür.

Ich mache dir gerne auf, bereite dir einen Kaffee oder Tee zu und dann quatschen wir unter vier Augen.

Danke, dass Du mich durch dein reflektiertes Verhalten unterstützt zuerst die wichtigen Dinge zu tun und große Projekte voranzubringen, anstelle mich durch den Emailreflex mit Nichtigkeiten zu beschäftigen.

Alles Liebe,

dein Talententwickler

Chris

P.s.: Freunde und Familie haben einen Joker und dürfen mich gerne jederzeit anrufen. Ich freue mich, wenn ihr euch meldet! Ihr seid mir wichtiger als das Business und jedes noch so weltverändernde Projekt! Falls ich nicht erreichbar bin, sprecht auf meine Mailbox. Euch rufe ich als Erstes zurück. Ansonsten habt ihr natürlich auch die Möglichkeit die Eskalationsstufen „Brief“ und „an meiner Haustür klingeln“ zu nutzen.

Danke!


Diesen Text werde ich demnächst als permanente „out of office“-Meldung einrichten. Sehr gerne können Interessierte es mir gleich tun und den Text für sich kopieren oder in abgewandelter Form verwenden. Ich freue mich in einigen Wochen oder Monaten über einen gemeinsamen Erfahrungsaustausch.

Ein Teil von mir freut sich auf dieses verrückte Experiment. Ein Teil von mir hat Angst vor negativen Reaktionen. Sicherlich werden sehr rasch einige genervt sein, von meinen ständigen automatischen Antworten.

Glaubt mir: Das tue ich nur zu unser aller Besten. Wenn Du zu viele „out of office“-Meldungen von mir bekommst, dann schreibst Du mir vielleicht einfach zu viele Emails und sprichst zu selten mit mir persönlich.

Vielleicht stellt sich auch heraus, dass ich gar nicht mit euch allen so intensiven persönlichen Kontakt pflegen kann und dauerhaft hinterherrenne. Als Konsequenz daraus werden einige vielleicht wirklich sauer werden. Für diesen Fall erinnere ich mich schon jetzt einmal selbst an folgenden Gedanken:

Sollte dieser Fall eintreffen, dann habe ich mir einfach mal wieder zu viel vorgenommen. Das Selbstexperiment kann uns dabei helfen wieder etwas gesünder zu leben und in Zukunft unser Arbeitspensum vielleicht auf ein schaffbares Maß zu reduzieren.

#letsmakesomechange

 

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